Der Mond bekommt Besuch aus China

Es wäre nur ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer für die Volksrepublik China: Am Samstag soll die am 1. Dezember gestartete Sonde Chang’e 3 auf dem Mond landen. Mit an Bord: das sechsrädrige Robotfahrzeug Yutu. Mit Spektrometern und einem Radargerät soll Yutu die chemische Zusammensetzung des Mondgesteins und die Struktur der Mondkruste untersuchen. Offenbar für längere Zeit: Der Rover ist nicht nur mit Solarzellen, sondern zusätzlich mit einer Atombatterie ausgestattet, die ihn auch in der 14 Tage dauernden Nacht auf dem Erdtrabanten aus der Zerfallswärme eines radioaktiven Elements mit Strom versorgt.

Das chinesische Raumfahrtprogramm schreitet mit gleichmäßigem Schritt voran. Noch vollzieht es lediglich Missionen nach, die bereits vor Jahrzehnten von den USA und der Sowjetunion durchgeführt wurden. Doch eine weiche Landung auf dem Mond gelang zuletzt im August 1976 der sowjetischen Mission Luna 24, die erfolgreich 170 Gramm Mondgestein zur Erde zurück beförderte. Und Robot-Fahrzeuge gab es erst zwei auf dem Erdtrabanten: Die sowjetischen Rover Lunochod 1 und 2 waren bereits 1970/71 und 1973 im Einsatz.

So setzt Chang’e 3 zumindest ein starkes Ausrufungszeichen: China hat aufgeholt und setzt zum Überholen an. Eine Sample-Return-Mission, also der Transport von Mondgestein zur Erde ist bereits für das Jahr 2020 geplant. Und dabei geht es nur vordergründig um nationales Prestige, wie in den 1960er und 1970er Jahren bei den USA und der Sowjetunion. China hat handfeste langfristige wirtschaftliche Ziele im Auge. „Jeder weiß doch, dass fossile Brennstoffe wie Gas und Kohle eines Tages aufgebraucht sein werden“, sagt der Chef des chinesischen Mondprogramms Ouyang Ziyan. „Aber auf dem Mond gibt es mindestens eine Millionen Tonnen Helium-3.“

Viele Wissenschaftler sehen in Helium-3 den Energielieferanten der Zukunft – das Isotop könnte eine kontrollierbare und zugleich rentable Kernfusion ermöglichen. Doch auf der Erde ist der Stoff extrem selten und daher teuer. Auf dem Mond dagegen hat sich das Oberflächengestein über Jahrmilliarden hinweg mit Helium-3 aus dem Sonnenwind angereichert. Doch bis zur Ausbeutung dieser lunaren Ressourcen ist es noch ein weiter Weg.

Zwar gibt es bereits erste Pläne für bemannte Flüge zur Mond um das Jahr 2025 herum. Und im Gegensatz zum amerikanischen Apollo-Programm geht es auch hier nicht nur darum, einmal dort gewesen zu sein: Erklärtes langfristiges Ziel des chinesischen Mondprogramms ist die Etablierung einer dauerhaft bemannten Basis, die auch als Ausgangspunkt für bemannte Flüge zum Mars und zu anderen Planeten dienen soll.

Doch noch konzentriert sich die bemannte Raumfahrt Chinas auf den erdnahen Raum. Der erste Flug eines „Taikonauten“ gelang im Oktober 2003: Yang Liwei umkreiste 21 Stunden lang die Erde, 42 Jahre nach Juri Gagarin. Im September 2011 brachte China mit Tiangong 1 ein erstes kleines Weltraumlabor in die Umlaufbahn. Ursprünglich hatten die Chinesen auf eine Beteiligung an der Internationalen Raumstation ISS gehofft. Sie hatte sogar die Andockmodule ihrer Raumschiffe bereits darauf ausgerichtet. Doch die erhoffte Zusammenarbeit scheiterte am Veto der USA.

Seither setzt China auf den Aufbau einer eigenen großen Raumstation – und lädt seinerseits andere Nationen dazu ein, sich an dem Projekt zu beteiligen. Als im September dieses Jahres die Internationale Astronautische Föderation in Beijing tagte, bot China insbesondere Schwellen- und Entwicklungsländern an, deren Raumfahrer für Flüge zur geplanten Raumstation auszubilden. Für das Jahr 2015 ist als Zwischenstufe ein zweites, größeres Weltraumlabor geplant. Der Aufbau der großen, wie die ISS aus vielen separaten Modulen bestehenden Raumstation soll bereits kurz darauf beginnen, spätestens 2020 soll sie komplett sein.

Wenn alles nach Plan geht. Dass in der Raumfahrt Erfolge und Misserfolge nah beieinander liegen, musste die chinesische Raumfahrtbehörde gerade erst erfahren. Mit den Trägerraketen vom Typ „Langer Marsch“ ist China auch auf dem kommerziellen Sektor erfolgreich. Bei der Starthäufigkeit hat China inzwischen die USA, Russland und Europa übertrumpft. Doch Anfang Dezember misslang der Start eines chinesisch-brasilianischen Umweltsatelliten. Eine Fehlfunktion der „Langer Marsch 4B“ ließ den Satelliten zur Erde zurückstürzen.

Ein ähnliches Missgeschick blieb der chinesischen Raumfahrt beim Start von Chang’e 3 erspart. Die Sonde erreichte erfolgreich den Weltraum, schwenkte in eine Transferbahn Richtung Mond ein und erreichte am 6. Dezember ihr Ziel. Sechs Minuten lang feuerten die Triebwerke des Raumfahrzeugs und ließen es so in eine Umlaufbahn um den Erdtrabanten einschwenken. Nach einer Absenkung der der Flughöhe von 100 auf 15 Kilometer soll Chang’e 3 am 14. Dezember in der „Regenbogenbucht“ des Mare Imbrium, einer Tiefebene auf der erdzugewandten Seite des Mondes, niedergehen.


Chinesisch für Raumfahrer

„Chang’e“ ist der Legende nach eine Fee, die auf dem Mond lebt. Ihr Haustier ist ein Jadehase, auf Chinesisch „Yutu“. Tiangong, die Bezeichnung der chinesischen Weltraumlabore, bedeutet „Himmlischer Palast“. Die Raumkapseln der chinesischen Raumfahrer heißen „Shenzhou“, auf Deutsch „Magisches Schiff“ oder „Schiff der Götter“. Und die chinesischen Raumfahrer selbst? Sie werden bei uns oft als „Taikonauten“ bezeichnet. Diese Bezeichnung geht auf Chen Lan aus Shanghai zurück, der sie 1998 auf seiner unabhängigen Internetseite „Go Taikonauts!“ verwendete. Es ist ein aus „Taikong“ – Weltraum oder Kosmos – und dem westlichen Ausdruck „Astronaut“ zusammengesetztes Kunstwort. Die offizielle Bezeichnung für chinesische Raumfahrer lautet „Yǔhángyuán“ - was schlicht Weltraumfahrer bedeutet.

Bildquelle: Beijing Institute of Spacecraft System Engineering